Umzug in eine Wohneinrichtung

Wie kam mir eigentlich der Gedanke, dass Christian ausziehen könnte?

Zum Zeitpunkt der Diagnose war er 4 Jahre alt. Die realistische Lebenserwartung ist nach der Diagnosestellung 8-10 Jahre. Das hatte Christian lange überlebt. 2 Schulwechsel und ein Wechsel in die Tagesstätte hat er gut verkraftet. Bei jedem Wechsel war ich aufgeregter als er. Inzwischen war er volljährig und gesundheitlich längere Zeit halbwegs stabil. Ca. 15 Jahre ein Leben im Ausnahmezustand. Ich wollte nicht auf seinen Tod warten, um selbst ein anderes Leben zu führen. So kam es zu meinem Entschluss und ich telefonierte mögliche Wohneinrichtungen in Bremen ab. Das war dann doch frustrierend. Alle, die meinten, sie seien auch auf schwere Behinderungen eingestellt, machten sofort einen Rückzieher, wenn sie von Christians Zustand und Pflegeaufwand hörten.

Eigentlich kam nur eine Einrichtung in Frage. Die hatte ich zuvor ausgeschlossen. Über die Gründe und meinen Sinneswechsel schreib ich später.

Inzwischen waren über 1,5 Jahre um, in denen Christian auf der Warteliste stand. Meine regelmäßigen Nachfragen, ob denn ein Platz für Christian frei würde, waren ernüchternd.

Antwort: „Gut dass Sie sich in Erinnerung bringen, aber wir haben nichts!“

Also fing ich nochmal an, mich nach Alternativen umzusehen.

Wir haben uns dann noch 2 Einrichtungen angesehen, die uns beide recht gut gefielen, die aber keine Pflegefachkräfte hatten und nur die Grundpflege machten. Trotzdem sah man kein Problem, Christian aufzunehmen. Bei größerem pflegerischem Aufwand würde man eben einen Pflegedienst hinzuziehen. Und die eine Einrichtung kündigte gleich an, dass im Sommer ein Platz frei würde.

So kam es dann auch, dass Christian Ende August 2013 dort einzog.

Christians Zimmer wurde in sonnigem orange gestaltet

Der Umzug wurde sehr gut vorbereitet. Wir kamen einige Wochenenden stundenweise zum Kennenlernen mit ihm ins Haus und konnten die nette Atmosphäre spüren. Wir waren zu verschiedenen Dienstbesprechungen um Christians besondere Bedürfnisse vorzustellen. Den größten Respekt hatte man dort vor der Ernährungspumpe. Man hatte wohl mal mit Spritzen sondiert, aber noch nicht mit einer Pumpe. Das sollte aber kein Problem sein. Das Haus hat 2 Gruppen mit je 8 BewohnerInnen. Nach dem Einzug habe ich jede Nachtwache selbst eingearbeitet und war auch häufig tagsüber da. Das wurde von den MitarbeiterInnen immer begrüßt, selbst wenn ich unangekündigt kam. Bei Schwierigkeiten wurde ich immer als erstes angerufen und wir haben gemeinsam beratschlagt, ob ein Arzt kommen muss. Insgesamt eine sehr gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Bei einem Besuch wird er von Papa rasiert

Durch den Umzug bekam Christian einen neuen Hausarzt. Das war ein Riesenglück. Endlich einer, der sich wirklich für ihn interessierte.

Christian wurde von Anfang an integriert. Die Räumlichkeiten sind nicht besonders groß. Ein wenig Umräumen und schon hat man einen Platz im Aufenthaltsraum für seine Sitzsäcke gefunden. Er war mittendrin im Geschehen- wunderbar. Genau das hatten wir uns für ihn gewünscht. Zuhause war es viel langweiliger. Wir bekamen in der folgenden Zeit viele Rückmeldungen von Menschen, die Christian vorher schon kannten, dass er jetzt viel wacher und aufmerksamer sei. Es gefiel ihm sichtlich gut in der neuen Umgebung. Wenn wir ihn zu uns nach Hause holten, kam uns die Pflege noch anstrengender vor und wir fragten uns, wie wir das eigentlich bis dahin geschafft haben.

Es kam aber auch zu vielen technischen Schwierigkeiten in der Anfangszeit und ich war viel in der Einrichtung.

Von defekter Pumpe, Platten am Rolli über rausgerutsche Sonde etc. war alles dabei.

Insgesamt war Christian nur ein halbes Jahr in der Wohneinrichtung. Wir haben es nicht bereut. Wir sind froh, dass er das kennenlernen durfte. Wir haben für uns schon in dieser Zeit eine neue Freiheit kennengelernt. Mussten aber auch immer wieder erkennen, dass unser Leben nie ganz normal sein würde, weil wir ja auch dort von jetzt auf gleich zur Stelle sein mussten bzw. wollten.

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