Inklusion am Gymnasium oder „Eine Schule für Alle“

Gerade hat das Gymnasium Horn das Thema Inklusion beflügelt. Die Diskussion darüber ist an einem entscheidenden Punkt angekommen. Was bisher unterschwellig anklang, muss jetzt konkret angesprochen werden.

Gymnasium Horn soll frei von Kindern mit geistiger Behinderung bleiben! Ich orientiere mich gerne am schwedischen Schulsystem. Ein System, das seit vielen Jahren gut und erfolgreich auf langes gemeinsames Lernen setzt. Bis zur 9. Klasse (kann manchmal, besonders in ländlichen Gebieten abweichen) gehen alle Kinder gemeinsam zur Schule. Dann erst entscheidet sich der weitere Weg. Danach geht es entweder in eine gymnasiale Oberstufe, die auf ein Studium ausgerichtet ist oder die Alternative führt in eine praktische Ausbildung.

Viele Eltern wünschen sich für ihre Kinder, dass der Weg so lange wie möglich offen gehalten wird. Der Stress, dem Kinder schon zum Ende der Grundschulzeit ausgesetzt sind um den Schritt zum Gymnasium zu schaffen, ist inakzeptabel. Das sollte sich mit der Einführung der Oberschule in Bremen eigentlich ändern. Da die Praxis gezeigt hat, dass die Rahmenbedingungen an den Oberschulen nicht, wie versprochen, geschaffen wurden, hat der Druck bei Eltern und Kindern wieder zugenommen.

Der Weg zu „einer Schule für Alle“ war bei der großen Schulreform politisch nicht durchsetzbar. Das scheiterte an konservativen Eltern und Parteien, die sich nicht vorstellen können, dass es funktioniert. Ein Blick in Länder, die das praktizieren, würde helfen.

Nun haben sich also viele Jahre Gymnasien aus der Inklusion rausgehalten. Was ist jetzt anders? Wir verzeichnen seit einigen Jahren einen drastischen Anstieg an Kindern, die mit Schulbeginn den Förderbedarf W+E bescheinigt bekommen. Warum das so ist, lässt sich nur spekulieren (Nein, die Flüchtlinge sind nicht schuld!). Über die Mutmaßungen, was dazu führt, würde ich mich gerne an anderer Stelle auslassen. Hier gehen wir von den Zahlen aus. Nachdem die Zahl der sogen. geistig behinderten Kinder immer nahezu gleichbleibend war, stieg sie nach Einführung der Inklusion plötzlich an, sodass mehr Klassenverbände eingerichtet werden mussten und damit mussten auch mehr Standorte gesucht werden.

Mehr Standorte begrüße ich ausdrücklich. Auch behinderte Kinder sollten wohnortnah beschult werden. Am liebsten wäre mir, wenn alle Schulen alle Kinder aufnehmen. Da es Zeit braucht, um die Schulen entspr. auszustatten, kann man in der Übergangszeit Kompromisse machen (fragt sich, wie lange eine angemessene Übergangszeit ist).

 

Nun ist also auch das Gymnasium Horn auserwählt, Inklusionsstandort zu werden. Ich weiß gar nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll.

Das Gymnasium Horn war schon einmal Standort für die Kooperation mit W+E Kindern in der Sek 2. Mein Sohn ging an den Standort und ich war zu der Zeit Sprecherin für Sonderpädagogik im ZEB. Wie funktionierte die Kooperation? Gar nicht!

Seitens der Schulleitung (die selbe Leitung, die jetzt gegen die Inklusion klagt)wurden alle Bemühungen ignoriert, einfach ausgesessen. Es kamen keinerlei Gespräche zustande. Die Klassen des Förderzentrums Rhododendronpark hatten Räume. Das war so angeordnet und musste akzeptiert werden. Mehr nicht.

Ganz anders war der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern. Die hatten durchaus Interesse und es kam punktuell zu Kontakt. Die Klasse meines Sohnes machte ganz praktische Dinge. Sie stellten Waffeln oder Popcorn her und verkauften die einmal wöchentlich in der Pause. Das war für alle Beteiligten ein Lernerlebnis. Je nach Schwere der Behinderung, wurden Rezepte für Waffeln gelesen, geschrieben, abgewogen usw. Beim Verkauf musste auf Geld und Hygiene geachtet werden. Der Lernerfolg für behinderte Kinder ist nicht von der Hand zu weisen. Was macht das mit den SchülerInnen des Gymnasiums? Sie schulen besonders ihre Sozialkompetenz. Der Umgang mit Diversität gehört zu den Soft Skills jeder Führungskraft, wird aber in Gymnasien nicht vermittelt.

Besonders rührend war es als ein Todesfall eintrat. Eine langjährige Assistenz der Klasse war gestorben. Den SchülerInnen war nicht nach Verkaufen, sie verarbeiteten ihre Trauer mit Texten für die Schülerzeitung. An diesem Tag kamen einige SchülerInnen des Gymnasiums zum 1. Mal in den Klassenraum um sich zu erkundigen, warum heute nichts verkauft würde. Sie blieben die ganze Pause, waren interessiert und beeindruckt. Sie hatten keinerlei Berührungsängste.

Rückblickend muss ich sagen, dass in der Sek2 eine Kooperation durchaus möglich ist. Wenn von Gymnasien die Rede ist, an denen die Inklusion funktioniert, sollte differenziert werden: 1. Unterschied zwischen Sek1 und Sek2  2. Unterschied zwischen Kooperation und Inklusion.

Dazu, dass es nach wie vor in Bremen keine Standards gibt, was eigentlich Inklusion in der Schule ist, würde ich auch lieber an anderer Stelle schreiben.

Mein Fazit: Verabschiedet euch endlich in Bremen von den Gymnasien ab 5. Klasse. Es reicht, wenn sich Kinder nach der Sek1 über ihren weiteren Werdegang entscheiden. Lasst bis zur 10. Klasse alle Kinder gemeinsam lernen. Das tut den Leistungsstarken genauso gut wie den SpätentwicklerInnen.

 

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