Abschied von Christian-geschrieben April 2014

Wir wussten seit März 1997, dass Christian früh sterben würde. Auch dass die meisten Kinder letztlich an einer Lungenentzündung sterben, wussten wir. Bisher hatte er erst 1 x eine Lungenentzündung. Die bekam er im Krankenhaus. Wir konnten die meisten Krankenhausaufenthalte verhindern, weil die Pflege zuhause gut eingespielt war.

Mitte Dezember 2013 wurde ich von der Wohneinrichtung angerufen. Christian hatte einen dicken blauen Fleck an der Innenseite des Oberschenkels, den sie sich nicht erklären konnten.

Der Arzt und ich waren gleichzeitig da und rätselten, was das sein könne. Schmerzen schien Christian nicht zu haben. Als sich der Fleck am nächsten Tag weiter ausbreitete, fuhr ich mit ihm zum Röntgen: Oberschenkelhalsbruch! Also ab ins Krankenhaus. Wie ich das hasse.

Dort natürlich nochmal röntgen. Ging aber recht schnell, man war hilfsbereit, freundlich und kompetent. Er bekam ein geräumiges, modernes Einzelzimmer und mir wurde angeboten, mit dort zu übernachten. Wollte ich aber nicht. Nachts kann ich im Krankenhaus nicht schlafen.

Mir war die Pflege inzwischen viel zu schwer und mit einem Beinbruch nochmal mehr. Christian war ja schon vor einem viertel Jahr ausgezogen. Natürlich war ich den ganzen Tag über im Krankenhaus, verstand mich aber eher als Verständigungshilfe. Erst allmählich wurde mir klar, dass man automatisch davon ausging, ich würde die Pflege übernehmen. Um mal wieder auszuschlafen, habe ich dann eingefordert, dass sich jemand die Ernährungspumpe zeigen lässt. Ist auch geschehen. Am nächsten Tag kam ich dann erst um 10.00 Uhr. Man bedaure es sehr, aber es wurde nicht geschafft, um 6.00 Uhr die Pumpe anzustellen. Die Medikamente hätte er aber gerade bekommen. Darf er wegen der Neigung zu Magengeschwüren nicht auf nüchternen Magen bekommen. Dass die Krampfmedikamente wegen der Halbwertzeit immer zur gleichen Zeit gegeben werden müssen, ist eigentlich klar. Im Krankenhaus sah man das nicht so eng. Ich habe mich bei der diensthabenden Ärztin beschwert, die das aber alles abgetan hat. Also war in den nächsten Tagen nichts mit ausschlafen, sondern immer um 6.00 Uhr dort sein. Von da an kamen die Schwestern nur noch um Medikamente zu bringen, also morgens und abends. Nächste Beschwerde! Darauf entgegnete die Ärztin:“ Sie waren ja unzufrieden mit der Pflege. Da sind wir davon ausgegangen, dass Sie das selbst übernehmen.“

Ich wollte dann nur noch das Wochenende überstehen, um Christian nach dem nächsten Röntgen mit nach Hause zu nehmen. Gleichzeitig fragte ich nach KG, da das ständige Liegen leicht zu einer Lungenentzündung führen könne. Antwort: „Am Wochenende arbeiten die Physiotherapeuten nicht!“

So kam es, wie es kommen musste. Christian bekam am Sonntag eine Lungenentzündung. Die letzte lag 10 Jahre zurück. Auch die hatte er sich im Krankenhaus geholt.

Also Antibiose und zur Kontrolle solle er noch da bleiben. Ich hab dann am Dienstag mit Christian fluchtartig das Krankenhaus verlassen. Zuhause hat er sich gut erholt. Weihnachten konnte kommen. Über Silvester waren wir gemeinsam auf einem Familienseminar und Anfang Januar fuhren wir für eine Woche ins neue Jugendhospiz Löwenherz. Eine ganz tolle Zeit. Christian war total fit, Gero war mit ihm im Therapiebad, was Christian sehr genoss. 

Ende Januar bekam Christian schlagartig wieder eine Lungenentzündung. Die Notärztin meinte gleich, er würde das wohl nicht überleben. 10 Tage Krankenhaus (ein anderes- in dem wurde Christian besser versorgt) mit Antibiose, Bronchoskopien, Sauerstoff haben ihn aber wieder fit gemacht. Der Chefarzt führte zwischendurch ein Gespräch mit mir, bei dem er vom Drehtüreffekt sprach. Ich solle überlegen, ob Christian jedes Mal wieder ins Krankenhaus solle. So richtig wollte ich das nicht glauben. Ich nahm ihn dann mit nach Hause und wollte erst mal seine Entwicklung beobachten bevor er wieder in die Wohneinrichtung gehen sollte. Nach knapp 2 Tagen ging es wieder los. Christian kriegte schwer Luft und war ganz schlapp, zwischendurch oft in Schweiß gebadet. Trotzdem war er ganz wach und aufmerksam. Wir hatten eine ganz innige Zeit, in der ich immer ruhiger wurde. Ich war nicht davon überzeugt, dass Christian sterben würde, aber wenn, dann würde er den Zeitpunkt bestimmen und auch wer bei ihm sein würde. Nach 5 Tagen war es dann so weit – ganz ohne Vorankündigung. Morgens war ich nach langer Zeit mal wieder einkaufen gegangen. Gero hatte währenddessen mit ganz viel Zeit die Pflege übernommen und sich dann zur Arbeit verabschiedet. Tom war nach der Schule kurz da, bei seinem Bruder reingeschaut und sich dann zum Tanzkurs verabschiedet. Oma war zum Kaffee bei mir. Sie hatte in dieser Zeit ein großes Bedürfnis so oft wie möglich bei Christian zu sein. Es war der 12.Februar, ein wunderschöner sonniger Tag. Ich hatte das Rückenteil von Christians Bett hochgestellt, sodass er in den Garten gucken konnte und die Terrassentür aufgemacht. Oma meinte noch, er würde ja ganz interessiert nach draußen gucken. Dann verzog er kurz das Gesicht und war tot. Unfassbar! In den nächsten 4 Wochen empfand ich das als ganz unwirklich, so als wäre das nicht mein Leben. Wir hatten eine sehr schöne Trauerfeier, zu der 170 Leute gekommen sind. Viele Karten haben gut getan, besonders wenn jemand schrieb, welche eigenen Erinnerungen er an Christian hat. Es hat mich beeindruckt, wie viele Menschen in all den Jahren in Gedanken bei uns waren, selbst wenn wir keinen persönlichen Kontakt mehr hatten. Vom Geburtsvorbereitungskurs über Kindergarten und Grundschule war alles dabei.

Christian wurde 21 Jahre alt. Viel mehr als wir je erwarten konnten. Wir sind unendlich dankbar für die Zeit mit ihm.

Geschrieben: April 2014

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